Exklusive Vorab-Leseprobe:

Hier traf Veitl zufällig wieder auf den ungehobelten Mann vom Vorabend, als dieser sich gerade mit Benedikt am Empfangstresen unterhielt. Veitl näherte sich den beiden von hinten. Der Mann trug einen der schiffseigenen Bademäntel und dazu die weißen Plüschschlappen aus der Kajüte und er sagte gerade: "... Sie sind ja immerhin ein Fünf-Sterne-Schiff hier, oder nicht?! Also das kann ja wohl nicht angehen, dass der da direkt von der Saunalandschaft rauf in den Speisesaal fährt und dann nur in der Badehose und mit Handtuch um die Hüfte am Buffet steht!"

 

Aber dei Aufzug, meinst, is besser, oder was?, schoss es Veitl durch den Kopf. Sein Blick glitt unwillkürlich über die ebenfalls mehr als unpassende Erscheinung des Sich-Beschwerenden.

 

Sein Sohn blieb ungerührt freundlich und erwiderte: "Da haben Sie natürlich vollkommen recht, mein Herr. Das geht selbstverständlich nicht. Wir haben hier ja auch eine Kleiderordnung, die besagt, dass man sich in den öffentlichen Bereichen angemessen kleiden muss. Der Zutritt zu den Speiseräumen ist beispielsweise nur in Abendgarderobe gestattet, für Männer heißt das: Lange Hose, Socken, Schuhe, ein Hemd und abends Krawatte und Sakko. Tagsüber reicht auch zum Beispiel ein Poloshirt. Unsere Bord-Boutique führt übrigens sehr adrette Polos verschiedener Marken im Sortiment, möchten Sie vielleicht einen Beratungstermin bei einer unserer Stylistinnen vereinbaren?"

 

"Erlauben Sie mal, Herr ..." Empört beugte der Mann im Schlafrock sich über den Tresen, um Benedikts Namensschild besser lesen zu können und knurrte dann: "... Veitl. Veitl, was soll das denn für ein Name sein?"

 

Vater Veitl räusperte sich energisch hinter der Nervensäge. Die drehte sich herum und nahm nun Veitl selbst ins Visier.

 

"Sie schon wieder? Und was bitteschön wollen Sie dieses Mal? Mischen Sie sich jetzt auch wieder in meine Unterhaltung ein? Haben Sie schon mal was von Diskretion gehört?", bellte er.

 

Veitl baute sich in seiner vollen Größe vor ihm auf und stemmte zur Untermauerung seiner (Ge-)Wichtigkeit die Hände in die Hüften. "I bin quasi der Vater dieses Namens! Also ... dieses Sohnes. I bin der Vater dieses Veitls!" Vor Wut begann Veitl zu stottern.

 

Jetzt wandelte sich der Gesichtsausdrucks des Beschwerers in Mitleid, als er zu Benedikt gewandt sagte: "Der da ist Ihr Vater? Mein Beileid."

 

Damit ließ er die beiden Veitls stehen und stolzierte von dannen, der Bademantel flatterte bedrohlich hinter ihm her.

 

"A so a Volldepp!", kommentierte Vater Veitl immer noch wütend.

 

Sohn Benedikt zuckte nur die Achseln. "Ganz normal. Solche hat man auf jeder Fahrt. Einfach freundlich lächeln und Arschloch denken."

 

"Na, des denk i bei dem ned nur. Des sag i ihm dann scho. Du hättst mal hören solln, wie der gestern mit seiner Frau umgsprungen is. Des is einfach a Saubär. Aso geht ma ned mit a Frau um. A ned mit der eigenen."

 

Benedikt grinste, dann fand er aber wieder zu seiner geschäftsmäßigen Miene zurück.

 


Leseprobe zu "Latte & Dampfnudeln"

"Latte & Dampfnudeln" ist der dritte Teil meiner Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz, erschienen Mai 2017.

Wieder ermittelt Kommissar Veitl in seinem dritten Fall. Dieses Mal in Landshut, während der Landshuter Hochzeit.


„San des jetzt unsre Plätze, sag?“ Margarete schob hinter Veitl her, links ihre Handtasche und ihre Jacke über dem Arm, rechts eine Stofftasche mit dem Proviant, der vermuten ließ, dass sie mehrere Wochen ausbleiben wollte. In der einen Hand hielt sie außerdem noch ihre Buchungsbe-stätigung, auf der auch die Sitzplatzreihe im Reisebus vermerkt war.

 „Achtzehn, oder?“, fragte Veitl und blieb stehen.

 „Ja, links. Wobei mir ja rechts lieber wär, weil da sitzt ma ja direkt am Gegenverkehr, des macht mi nervös“, erklärte Margarete.

 Hinter ihnen drängten noch mehr Fahrgäste in den engen Gang.

 „Ja, i kann's jetzt a ned ändern. Setz di hin.“

 Veitl bugsierte Margarete in die reservierte Reihe und stopfte seinen Janker oben in das Gepäckfach.

 „Dei Jacke a?“, fragte er und bekam die Jacke und die Handtasche überreicht. Dann setzte er sich auch endlich auf seinen Platz.

 Wie lang fahr ma jetzt?“, fragte er noch, doch seine Frage blieb unbeantwortet, denn durch die hintere Wagentür fegte ein wahrer Sturm herein:

 Mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets erklärte eine schrille Frauenstimme: „... weil dann is nämlich was los, des versprech ich dir! Des hab i scho der Trudschn in dem Reisebüro gsagt. Wenn de Sitzplätze ned passen, dann fahrt der Bus nicht mehr heim!“

 Veitl zog unwillkürlich den Kopf ein und rutschte auf seinem Sitz hinunter. Das Gekeife erinnerte ihn fatal an seine Grundschullehrerin, und obwohl seine Schulzeit, vor allem die erste Klasse, schon etliche Jahre zurücklag, jagte ihm die Erinnerung immer noch Schauer über den Rücken.

 „Was is'n des für eine?“, flüsterte Margarete ihm zu und warf einen missbilligenden Blick über die Schulter.

 Von dort dröhnte es ungebremst weiter: „... vor fünfundzwanzig Jahren simma nämlich schon mal mitm Baumgartner gfahren, nach Wien! Und des war ein einziges Desaster. Ein Desaster, des sag ich dir! Sowas hab i in meine sechzig Jahr noch nicht erlebt! Und ich hab einiges erlebt!“

 Dann ließ sie sich ausgerechnet im Sitz hinter Veitl und Margarete nieder. Ihre Reisebegleitung rutschte stumm neben sie, die Ärmste kam wahrscheinlich einfach nicht zu Wort.

 Es folgte ein Monolog über die Begebenheiten der legendären Wien-Fahrt von vor fünfundzwanzig Jahren, bei der die Firma Baumgartner bereits zu unrühmlicher Prominenz gekommen war, weil ihr zunächst in der Wachau der Bus verreckte, der dann erst durch ein Ersatzfahrzeug ersetzt werden musste, dann stellte sich heraus, dass das Hotel in Wien überhaupt nicht das aus dem Katalog war und zu guter Letzt waren die Theaterkarten im zweiten Rang und so weit von der Bühne entfernt gewesen, dass sie – nach Ansicht der lautstarken Erzählerin – unmöglich den hohen Reisepreis rechtfertigten.

 „... und wie i des der Tussi in dem Reisebüro in der Altstadt gsagt hab, schaut die mich ned amal an und sagt: Da war ich noch gar ned geboren! Kannst du dir des vorstelln? Sagt di einfach zu mir, da war sie no ned geboren. Jaaaa, sag i, aber ich und Ihr Chef scho und des reicht! So eine Unverschämtheit!“

 Veitl versuchte krampfhaft wegzuhören, aber es ging nicht. Der ganze Bus war gezwungen, den Ausführungen zu folgen.

 Offenbar war die Reisegesellschaft dann auch endlich vollständig und der Bus setzte sich in Bewegung. Während sie Landshut durchquerten und Richtung Süden verließen, schilderte die Frau mit der penetranten Stimme weiter ihre Abenteuer von der Fahrt nach Wien aus den frühen 90er Jahren.

 In Moosburg ließ der Bus noch einmal Fahrgäste zusteigen, dann steuerte der Fahrer die A92 an und zuckelte Richtung München. Hinter den Veitls arbeitete man sich inzwischen an einem neuen Thema ab.

 „Man muss sich ja a amal was gönnen, sag i immer, gell? Des verstehen's bei mir in der Arbeit ja immer alle ned, weil de halt daheim hocken bei ihre Männer und na ham's alle Kinder, teilweise a schon Enkel, und dann is halt da nix mehr mit spontan sei. Da kann ma halt dann ned einfach sagn: I fahr heut mal nach Stuttgart und schau ma a Musical an. Einfach so. Oder ins Wellnesshotel. Da war i ja jetzt erst letztens mit der Gerti ... De kennst du a, gell, de Gerti? I fahr ja öfter mit der Gerti und am Fons in Urlaub, aber de zwei brauchen ja immer a Wellnesshotel. So mit Pool und Sauna und allem. I mog ja des ned, gell, de Pritschlerei. I mag ja des daheim scho ned, und dann brauch i sowas furt a ned. Aber de Gerti, de geht daheim a ned zum Schwimmen, oder dass de mal im Ergomar in d'Sauna gehn dat oder so, des macht's nie. Aber im Urlaub braucht sie dann an Pool und an Wellnessbereich. I geh halt dann immer spaziern. Da Fons hätt eh scho immer mal gmeint, i soll ma des mal anschauen, bloß anschauen, gar ned einesetzen oder so. Aber i mag des ned und wenn i was ned mag, dann mag i's ned und aus. I bin sechzig Jahr alt, da weiß ma irgendwann, was ma mag, und da brauch i dann keinen Fons, der mir sagt, was i tun soll. Verstehst?“

 Einmal wurde der unaufhaltsame Redefluss unterbrochen, weil der Fahrer die Reisenden begrüßte. „Servus, meine lieben Fahrgäste, i möcht euch kurz a im Namen meiner Firma herzlich an Bord begrüßen auf unsrer schönen Fahrt ins Ländle, nach Stuttgart, gell? I bin der Sladko und i bin heut euer Fahrer. Wer sich Sladko ned merken kann, macht nix, dann sagst halt Hans oder Franz oder Busfahrer, des stört mi ned. I hoff, mir ham a Gaudi heut und ihr genießt's es. In zwoa Stund mach ma mal a Pause, für d'Raucher und für d'Pipibox, und dann samma ungefähr um viere in Stuttgart.“

 Kaum hatte der Fahrer seine Vorstellung beendet, begann hinter den Veitls wieder das Gelaber ohne Punkt und Komma. Veitl zweifelte stark daran, dass er die Fahrt würde genießen können, er zweifelte sogar daran, ob es ihm gelingen würde, den Schein der guten Kinderstube bis Stuttgart zu wahren, wenn das so weiterging.

 

Der Bus hielt, wie angekündigt, auf einem Rastplatz der A8, kurz hinter Augsburg. Veitl und Margarete schwirrte inzwischen der Kopf von den hanebüchenen Erzählungen aus der Sitzreihe hinter ihnen. Während Margarete sich vor der Damentoilette einreihte und wartete, bis sie sich in einem Pulk mit den anderen busreisenden Damen eine Kabine erkämpfen konnte, ging Veitl in den Verkaufsraum, wo ein moderner Coffeeshop seine Filiale hatte.

 Als die Reihe an Veitl kam, bestellte er, ohne dem Aushang über der freundlichen Thekenkraft auch nur einen Blick geschenkt zu haben: „A Tass Kaffee, bittschön.“

 Die Verkäuferin erwiderte lächelnd, jedoch in der Geschwindigkeit eines abfeuernden Maschinengewehrs: „Den Coffeestar Macchiatto empfehlen wir heute mit den Geschmacksrichtungen Vanilla Bean, Honey Blossom oder Caramel Crisps.“

 Veitls Augen weiteten sich. „Was? Naa, Frau, einfach an Kaffee. Schwarz.“

 Sie übersetzte: „Ein all-black Coffee Americano, eine gute Wahl; in tall, grande oder venti?“

 Verwirrt fragte Veitl: „Was is jetz des? Die Größe, oder wie? Groß. A Kännchen habt's ihr ja ned, wahrscheinlich.“

 Ein leicht irritierter Zug glitt über ihr unverbindlich freundliches Gesicht, als sie geschäftsmäßig fortfuhr: „Mit hazelnut, vanilla creme, java chip chocolate creme oder strawberry cheesecake flavor?“

 Veitl wurde die Fragerei langsam zu viel, verunsichert sagte er: „Naa, a kein Flefer. Einfach an Kaffee. Mit a bissl a Milch höchstens.“

 Wieder lächelte ihn die Verkäuferin unbeeindruckt an und ratterte herunter: „Als Latte kann ich Ihnen beim Americano Macchiatto Bio-Vollmilch, entrahmte oder laktosefreie Milch von der Kuh, Soja- oder Mandelmilch anbieten.“

 Jetzt platzte Veitl der Kragen. „Herrschaftzeiten! A ganz normale. Von da Kuh!“

 „Also ein All-black Coffee Americano Macchiatto in venti mit Bio-Vollmilch. To go?“

 „Mitnehmen, ja“, erwiderte Veitl erschöpft.

 „Und Ihr Name, bitte?“

 „Was geht jetz Sie mei Nam an? I wollt doch einfach nur an Kaffee. Veitl heiß i“, schimpfte Veitl verzweifelt.

 Die geduldige Thekenkraft, die noch immer ihr breites, aufgesetztes Lächeln zur Schau trug, nahm einen großen Pappbecher, beschriftete ihn mit einem dicken Filzstift und reichte ihn an die Servicekraft weiter, die hinter ihr für die Herstellung der Kaffeespezialitäten zuständig war. Dann wandte sie sich wieder an Veitl: „Darf es noch etwas sein? Ein Stück Kuchen vielleicht, oder ein Cookie? Wir haben ...“

 Bevor sie Gelegenheit hatte, auch noch die fremdsprachigen Bezeichnungen für alle in der Auslage befindlichen Gebäckstücke aufzuzählen, unterbrach Veitl sie, immerhin hatte sich hinter ihm bereits eine Schlange gebildet. Peinlich berührt sagte er: „Da, von dene da. Eine. Mit nix!“, und deutete auf ein Blech mit Hefegebäck.

 „Das sind original Wiener Dampfnudeln“, erklärte die Verkäuferin.

 „Ach, des is jetz einfach nur a Dampfnudel. Is ja langweilig“, kommentierte er entgeistert.

 Doch die junge Frau hatte sich bereits ihrem nächsten Kunden zugewandt, dieser bestellte routiniert: „Einen Java Chip Double Chocolate Caramel Flavored Caffé Latte, bitte.“

 


Leseprobe zu "Licht und Schatten - Band 1"

"Licht und Schatten - Band 1" ist der erste Teil eines historischen Zweiteilers über das 20. Jahrhundert in München.

Die (fiktive) Familie des Schokoladenfabrikanten von Konsigny erlebt die Höhen und Tiefen der historischen Ereignisse von 1899 bis 1945.


1899. Das Jahr, in dem Spanien zuerst die Herrschaft über Kuba und später durch den deutsch-spanischen Vertrag auch noch einen Teil seiner Kolonien im Pazifik verlor. Das Jahr, in dem im Sing-Sing-Gefängnis von New York Martha M. Place als erste Frau durch den elektrischen Stuhl hingerichtet und Henry Bliss als erster Amerikaner in einem Autounfall getötet wurde. Aber auch das Jahr, in dem der Wirkstoff Acetylsalicylsäure im Deutschen Reich eingeführt und die Marke Aspirin von der Bayer AG eingetragen wurde, die Söhne Adam Opels mit der Produktion der ersten Opel-Automobile begannen und Kaiser Wilhelm II. den Dortmund-Ems-Kanal einweihte.

 Auch dieses Jahr 1899 endete, wie alle anderen zuvor, am 31. Dezember, und mit ihm das alte Jahrhundert.

 „Ist es schon Mitternacht, Herr Kommerzienrat?“

 „Vielleicht will unser guter Herr Kommerzienrat Schokoladenfabrikant am Champagner sparen?“

 Die Umstehenden lachten herzlich und der Angesprochene ließ sich nicht lange bitten. Er winkte den Hausdiener heran und ließ Champagner ausschenken. Im großen Salon der Villa im Münchner Süden brannten hunderte Kerzen und erleuchteten den hohen, stuckverzierten Saal mit ihrem in den hohen Spiegeln tausendfach reflektierten Schein. Das Herrenhaus lag in einem großzügigen Parkgelände, das dreigeschossige Haupthaus mit dem breiten Walmdach wurde zu beiden Seiten von einem sechseckigen Turm flankiert. Die Villa stammte aus dem 17. Jahrhundert und war bereits seit mehreren Generationen der Landsitz der von Konsignys.

 Im ländlichen Charme von Grünwald ließ es sich nach getaner Arbeit gut ausspannen – oder feiern, so wie heute, an diesem denkwürdigen Silvesterabend zum Jahrhundertwechsel.

 Die gesamte Industriearistokratie Münchens tanzte und feierte ausgelassen ins neue Jahrhundert. Das alte klang ruhig aus, seit mehr als dreißig Jahren war kein bayerischer Soldat mehr im Krieg gewesen. Nach dem mysteriösen Tod des Märchenkönigs Ludwig im Starnberger See waren die Bayern ihrem neuen Herrscher erst einmal skeptisch gegenüber gestanden. Doch der Prinzregent Luitpold entpuppte sich als ein Monarch, wie die Bayern ihn sich wünschten. Der legere Luitpold liebte die Jagd und die Malerei, beides typische Wittelsbacher Traditionen. Er sprach die Sprache des Volkes und gab sich volksnah und kommod. Wenn ihnen schon kein Märchenkönig vergönnt war, so war der inzwischen fast achtzigjährige Würzburger die beste Alternative.

 Natürlich wurde auch in der Residenz Silvester gefeiert. Nach seiner üblichen Morgenausfahrt hatte der Prinzregent die Paraden abgenommen, den Gottesdienst in der Hofkirche besucht und die Neujahrsgratulationen der übrigen deutschen Herrscher und des Kaisers entgegengenommen und erwidert. Auf die Neujahrscour waren siebenhundert Gäste geladen, darunter auch der zum Kommerzienrat erhobene Schokoladenfabrikant von Konsigny. Aus Rücksicht auf seine Gemahlin hatte er jedoch abgesagt und stattdessen ein eigenes Bankett organisiert. So kurz vor ihrer Niederkunft sollte Eleanor von Konsigny lieber in den eigenen vier Wänden bleiben.

 Schokoladenfabrikant Theodor von Konsigny hatte allen Grund dazu, euphorisch in die Zukunft zu blicken. Kürzlich vom Kaiser persönlich zum Kommerzienrat ernannt, war der erst sechsundzwanzigjährige Unternehmer bereits ganz oben angekommen.

 „Schade, dass mein Vater das nicht mehr erleben durfte“, flüsterte er seiner jungen Frau zu.

 Eleanor von Konsigny lächelte. „Er wäre sehr stolz auf dich.“

 Ein Korsett konnte die Hochschwangere schon lang nicht mehr tragen, dennoch war die Dame des Hauses zu diesem festlichen Anlass nach der neusten Mode gekleidet. Der Kommerzienrat begrüßte seine Gäste zu dieser Abendgesellschaft nach alter Tradition im Frack.

 Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte die junge Frau und sie krümmte sich reflexartig, bevor sie die Schwäche vor ihrem Mann verbergen konnte.

 Besorgt griff der ihr sofort unter den Arm und führte sie zu einer Sitzgelegenheit. „Fühlst du dich nicht wohl, Liebling?“

 Trotz ihrer Schmerzen lächelte Eleanor tapfer. „Nichts, Theo. Es geht gleich wieder.“

 Ihr an sich mädchenhafter Leib war dick geschwollen und unförmig. Obwohl sie kurz vor der Niederkunft ihres ersten Kindes stand, hatte die Hausherrin die Vorbereitungen für den großen Silvesterball zur Jahrhundertwende an niemanden delegieren wollen. Schon seit halb sechs war sie auf den Beinen. Beunruhigt ließ der werdende Vater seinen Blick über die fröhlich feiernden und tanzenden Menschen gleiten.

 Unter den illustren Gästen waren Franz Strauss und sein Sohn Richard, die beide gerade ein Engagement an der Hofoper hatten, der Freund des Hauses Franz von Lenbach mit seiner Gattin sowie der Verleger Albert Langen. Zwischen Letzteren war soeben ein handfester Streit entbrannt, ob man nun wirklich die Dämmerung eines neuen Jahrhunderts feierte.

 „Der Beginn des neuen Jahrhunderts ist der erste Januar 1901, das liegt doch auf der Hand!“, ereiferte sich Langen. „Wenn Sie ein Schock Eier kaufen, dann erwarten Sie doch auch, dass man Ihnen volle sechzig gibt und nicht nur neunundfünzig.“

 Lenbach schüttelte eigensinnig den Kopf. „Sie können mir gar nichts, werter Freund. Der Kaiser höchst selbst hat das neue Jahrhundert begrüßt. Wollen Sie etwa dem Kaiser widersprechen?“

 Theodor von Konsigny hastete an den beiden vorbei. Irgendwo unter den Gästen musste auch der Hausarzt der Familie, Medizinalrat Marquardt, sein. Der alte Mediziner hatte nämlich bereits Theodor selbst in die Welt geholfen. Es hätte den Fabrikanten etwas beruhigt, wenn er ihn in der unmittelbaren Nähe gewusst hätte. Statt des Arztes bahnte sich jedoch Eleanors Schwester Margaret einen Weg durch die Feiernden, direkt auf die Schwangere zu, die sich erschöpft auf einer Récamière niedergelassen hatte.

 „Geht es dir gut? Eleanor, Schätzchen, du siehst ganz blass aus. Ist dir unwohl?“

 Eleanor lächelte. „Danke, Gretchen, es geht schon wieder. Nur ein kleines Unwohlsein.“

 „Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Du gefährdest das Kind“, schalt Margaret sie.

 Bestürzt sah Eleanor ihre Schwester an. „Nein, das möchte ich nicht. Vielleicht hast du recht. Ich leg mich noch einen Moment hin, bevor es Mitternacht schlägt.“

 Margaret half ihrer Schwester auf die Beine und führte sie hinaus.

 Theodor kam schlecht vorwärts, überall sprach man ihn an, wollte ihm gratulieren und mit ihm anstoßen. Als er es dann doch irgendwann geschafft hatte, fand er endlich den Arzt.

 „Bitte, Sie müssen nach meiner Frau sehen. Die Schwangerschaft setzt ihr sehr zu. Sie fühlt sich unwohl und sie hat Schmerzen, auch wenn sie das vermutlich nicht zugeben wird.“

 Der Medizinalrat nickte. Er kannte die junge Frau von Konsigny und begleitete ihre erste Schwangerschaft von Anfang an.

 „Es ist bald soweit, Herr Kommerzienrat. Da kann es schon vorkommen, dass sie eine Schwäche befällt. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Das ist Ihr Abend heute! Ich sehe gleich nach ihr.“

 Der Arzt fand die Schwangere im Nebenzimmer. Ihre Schwester hatte sie genötigt, die Beine hochzulegen. Eleanor sah matt und erschöpft aus.

 Der Arzt nahm ihre Hand und prüfte mit routinierter Geste ihren Puls. „Ganz schön hoch. Wie geht es Ihnen? Ihr Gatte sagt, es sei Ihnen übel?“

 Eleanor nickte. Die Schmerzen waren zu stark, sie konnte ihnen nichts mehr vormachen.

 Margaret sah den Arzt erschrocken an. „Was ist es, Herr Doktor? Doch nichts Ernstes?“

 Der Mediziner lächelte. „Ich denke nicht. Aber wir werden die junge Frau besser hinauf in ihr Schlafzimmer begleiten.“

 „Oh Gott, so sprechen Sie doch! Was ist es?“ Vor Schreck brachte Margaret nur noch ein Flüstern hervor.

 Marquardt hatte Eleanor bereits hochgezogen und ihren schlaffen Arm um seinen Hals gelegt. Als wiege die Hochschwangere nicht mehr als ein Sack Zucker, hob er sie hoch und trug sie hinauf, wo er ihr Schlafzimmer wusste. Margaret beeilte sich, ihnen zu folgen.

 Auf der Treppe setzte sie noch einmal an: „Herr Doktor, ich bitte Sie, schonen Sie mich nicht. Was passiert mit meiner Schwester?“

 „Wenn sie sich beeilt, hat sie zum Jahrhundertauftakt schon ihr Kind im Arm.“

 Da endlich begriff Margaret. „Oh nein, es geht los? Aber wieso sagen Sie das denn nicht gleich? Ich lasse die Hebamme kommen. Was brauchen Sie? Wasser? Tücher?“

 Margaret war die Treppe schon wieder halb hinunter gehastet. Unten stieß sie mit einem Hausmädchen zusammen. „Trine! Schnell, lauf. Hol die Hebamme! Setz heißes Wasser auf. Es geht los. Es geht los!“

 Der grauhaarige Hausarzt schmunzelte in sich hinein. Es war doch immer wieder dasselbe. Er brachte die Schwangere in ihr Schlafzimmer und legte sie dort auf ihr Bett. In diesem Bett hatte er vor mehr als sechsundzwanzig Jahren bereits die alte Frau von Konsigny von Theodor entbunden.

 Es würde auch heute alles gut gehen. Er wusste es.

 Es war kein Tag für Katastrophen.

 


Leseprobe zu "Sushi & Weißbier"

"Sushi & Weißbier" ist der zweite Teil der Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz. Erschienen Sep 2016.

Kommissar Veitl hat es in seinem zweiten Fall mit gleich zwei mysteriösen Vorkommnissen zu tun.


„Warum muss jetzt ich des machen?“, fragte Veitl genervt.

 „Weil der andre mit dem Fall ned weiterkommt“, erklärte sein Vorgesetzter ihm noch einmal.

 „Ganz toll. Des mach i dann's nächste Mal genauso. I mag einfach ned und dann muss des a andrer machen“, gab Veitl grantig zurück.

 Sein Vorgesetzter auf dem Garmischer Polizeipräsidium, Manfred Hierl, seufzte.

 Florian Veitl, von seinem näheren Umfeld Flori genannt, war der dienstälteste Kriminalbeamte auf dem Präsidium und ein wahrer Fels in der Brandung, den in seinen mehr als dreißig Dienstjahren bislang so schnell nichts aus der Fassung gebracht hatte. Dennoch gab es ein paar Dinge, die mochte er einfach gar nicht. Faulheit und Drückebergertum gehörten zum Beispiel dazu.

 „I kann des ned a no machen, Mane. I hab selber genug zum tun“, sagte er deshalb kategorisch.

 „Ja, Flori“, gab ihm sein Chef recht. „Des versteh i ja. Aber vielleicht kann dir der Werner wenigstens was von der Schreibarbeit abnehmen. I will nur ned, dass der da allein rausfahrt, verstehst? Der is halt irgendwie befangen.“

 „Werner? Der Sonnbichler Werner? Befangen soll der sei? Der is stingertfaul und sonst nix!“, ereiferte sich Veitl.

 Der Vorgesetzte erhob sich und signalisierte, dass für ihn jetzt das Gespräch zu Ende war.

 „Ich kann's nicht ändern, Flori, ich hab niemanden anders. Nimm den Huber mit und fahr da raus, bitte.“

 Veitl erkannte, dass er die Diskussion verloren hatte, und erhob sich ebenfalls. Vor sich hin grummelnd verließ er das Büro. In der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: „Des eine sag ich dir aber: Für die Schreiberei brauch i den dann a ned! Wenn i was mach, dann mach i's gscheid!“

 

An seinem eigenen Schreibtisch griff Veitl sich sofort den Telefonhörer und wählte die Durchwahl von Klaus Huber.

 Klaus Huber war Streifenpolizist und Veitl arbeitete eigentlich ganz gern mit ihm zusammen. Sie kannten sich schon seit vielen Jahren, wenn ihre Bekanntschaft auch noch nie über die dienstliche Ebene hinausgegangen war.

 „Klaus? I bin's, da Flori. Ich hab an Auftrag. Kannst du mit mir schnell rausfahren?“

 Hubers Begeisterung hielt sich ebenfalls in Grenzen. „Um was geht's denn, Flori? Mir ham grad irre viel zum tun hier ...“

 „Anscheinend um a Vermisstenmeldung. I hab des a grad auf's Auge gedrückt kriegt.“

 Veitl hörte Huber seufzen. „Ja, is recht. I mach hier no schnell fertig, dann komm i.“

 Bis der Kollege Zeit hatte, blätterte Veitl schon einmal die Akten durch, die sein Vorgesetzter ihm mitgegeben hatte.

 Außerhalb von Garmisch, in einem kleinen zur Pension ausgebauten Bauernhof, war der Besitzer spurlos verschwunden. Dieser Umstand war erst einem Urlauberpaar aufgefallen, die Zimmer auf dem Hof gebucht hatten, aber niemanden antrafen, als sie dort ankamen. Offenbar gab es keinerlei Hinweise.

 Veitl legte die Akte zur Seite.

 Er war nicht nur wegen des zusätzlichen Arbeitspensums sauer. Seine Laune trübte auch, dass er wieder einmal auf eine Beförderung gehofft hatte und übergangen worden war.

 „Dreißig Jahr zählen bei dene da oben ja nix!“, grummelte er vor sich hin. „Einunddreißig san's des Jahr sogar scho. Da rackert man sein Leben lang und was is der Dank dafür? Wenn i in Pension geh, brauch i de Beförderung nimmer!“

 

„Wie viele Personen wohnen denn in dem Haus?“, fragte Huber.

 Der kauzige Alte, den sie als einzigen Nachbarn ausgemacht hatten, stützte sich auf den Stiel seiner Schaufel. „Viere“, erklärte er nach kurzem Überlegen.

 Huber notierte. „Und wann ham's die zuletzt gsehn?“

 Der Alte drehte an seinem buschigen grauen Bart, während er nachdachte. „Is scho a weng her“, räumte er ein.

 „Etwas genauer vielleicht?“, unterbrach Veitl genervt.

 Die zusätzliche Ermittlung, die man ihm aufgetragen hatte, zog sich durch die mangelnde Kooperationsbereitschaft des einzig möglichen Zeugen unnötig in die Länge.

 „Ja mei ...“, machte der Kauz.

 Huber fragte unbeirrt weiter: „In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis standen die vier Personen denn zueinander?“

 „Ha?“

 Entweder wollte oder konnte der Mann die Dringlichkeit der Fragen nicht verstehen. Obwohl Huber in voller Polizeimontur an seiner Haustür geklingelt und Veitl sich ihm mit Dienstmarke als Kriminalpolizist ausgewiesen hatte, schien der Alte in keinster Weise beeindruckt.

 „OB DE VERWANDT SAN, DE VIERE!“, bellte Huber genervt.

 Veitl signalisierte ihm, Ruhe zu bewahren.

 Der Alte nickte irritiert. „Ja, scho.“

 


Leseprobe zu "Hugo & Leberkäs"

"Hugo & Leberkäs" ist der erste Band meiner Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz und außerdem meine erste Veröffentlichung unter eigener Regie. Erschienen Anfang 2016.

In der ersten Kurzkrimi-Sammlung hat auch Kommissar Veitl seinen ersten Auftritt.


Wenig später saß Veitl am Küchentisch. Seine Frau Margarete servierte das Abendessen. Veitl verzog das Gesicht, als die Salatschüssel in sein Blickfeld kam. Seine Frau hielt sich strikt an das, was der Arzt ihm geraten hatte: weniger Fett, weniger tierisches Eiweiß, stattdessen Salat, Obst, Gemüse und vor allem mehr Bewegung. Veitl fand, er übertrieb maßlos. Er war doch gar nicht übergewichtig. Und krank war er schon gar nicht.

 „Was ist das?“, brummte Veitl.

 „Sojasprossen“, erklärte seine Frau voller Begeisterung.

 „Sojawas?“

 „...sprossen.“

 „Mit Soja füttert man Schweine, keine Menschen!“, knurrte Veitl und stocherte skeptisch mit seiner Gabel in der Salatschüssel herum. „Schlimm genug, dass ich mich von Gurkerln, Tomaten und Salat ernähren soll, wie ein Karnickel. Musst du mir auch noch dauernd dieses neumodische Zeug vorsetzen?“

 Margarete machte ein beleidigtes Gesicht. „Du weißt genau, was der Doktor gesagt hat. Willst du frühzeitig an einem Herzinfarkt sterben? Oder an Herzverfettung?“

 Veitl sah an sich herunter. „Also hör mal! Ich finde, ihr übertreibt's, du und dein Doktor. Was ist das für ein Leben, wenn ein gestandenes Mannsbild nicht mal mehr ein ordentliches Stück Fleisch essen darf? Vielleicht will ich so gar nicht alt werden?“

 Margarete ignorierte seine Proteste und schaufelte ihm ordentlich Salat auf den Teller. Veitl griff in den Brotkorb, zog die Hand aber sofort wieder zurück, als hätte ein giftiges Tier ihn gebissen. „Du weißt doch, dass ich’s nicht mag, wenn im Brot so grobe Körndeln sind.“

 „Vollkorn ist gesund“, erwiderte Margarete nur lapidar, griff sich selbst ein Stück und begann zu essen.

 Veitl seufzte. Er lud sich die Gabel voll Salat, achtete dabei aber darauf, ja keines dieser schlabbrigen Sprossendinger zu erwischen. Mit Todesverachtung biss er in das Vollkornbrot.

 „Gibt’s da gar nix dazu?“

 Margarete sah ihn über eine Gabel Salat hinweg an. „Was?“

 „Zu dem Brot. Gibt’s da gar nix dazu?“

 „Doch. An Salat.“ Margarete spießte sich eine Gurke und eine Tomate auf die Gabel, angelte noch eine ordentliche Portion Sprossen obenauf und schob sich das Ganze demonstrativ in den Mund.

  „Gretel … nur a bissl an Butter. Oder a Stückerl Käs. Nur ein klitzekleines“, schmeichelte Veitl. Diese Frau konnte doch nicht so herzlos sein!

 „Ich habe den ganzen Tag gearbeitet!“, schob er mitleidheischend hinterher.

 „Ja, am Schreibtisch“, ergänzte Margarete unbarmherzig. „Der Doktor sagt, bewegen tust dich auch zu wenig!"

 In dem Moment klingelte das Telefon.

 „Willst du nicht rangehen?“, fragte Veitl hoffnungsvoll.

 „Damit du in der Zwischenzeit den Kühlschrank plündern kannst? Ist doch sowieso für dich.“

 Veitl erhob sich notgedrungen. Es war wirklich für ihn. Huber war dran.

 „Tut mir Leid, Flori, dass ich dich noch stören muss. Esst's ihr grad?“

 Veitl winkte ab. „I wo. Was ist?“

 „Also dein Tipp mit dem Selbstmord …“

 „Falscher Alarm, was?“

 „Ähhh … nein. Ich glaube, du solltest dir das ansehen.“

 Veitl war mit einem Schlag putzmunter. „Is die wirklich tot?“

 „Maustot.“

 „Selbstmord?“

 „Sieht ganz danach aus.“

 „Ich komme sofort.“ Veitl riss seinen Mantel vom Haken. „Ich muss noch mal weg“, rief er seiner Frau zu, die verdattert von ihrem Salat zu ihm aufsah.

 „Aber …“

 „Erklär ich dir später", rief Veitl und schon war er zur Tür hinaus.

 

Eine Viertelstunde später hielt Veitl vor dem Wohnblock, dessen Adresse Marion Niedermaier ihm genannt hatte. Vor dem Haus stand das Polizeiauto, das Blaulicht lief noch. In der Hofeinfahrt daneben parkte der Krankenwagen. Ein Sanitäter lehnte an der offenen Tür und rauchte eine Zigarette. Die Anwesenheit von Polizei und Notarzt lockte Schaulustige aus ihren Häusern. Sie standen in Grüppchen herum und glotzten.

 Veitl bahnte sich einen Weg zur Haustür. Im Treppenhaus kamen ihm zwei weitere Sanitäter mit einer Bahre entgegen. Sie war leer und die beiden jungen Männer trugen sie lässig unterm Arm. Als sie den Kommissar kommen sahen, setzten sie eine etwas geschäftsmäßigere Miene auf.

 „Nichts mehr zu machen“, murmelte der eine. Veitl grüßte und drückte sich an den beiden vorbei die Treppe hinauf.

 Die Wohnungstür im zweiten Stock stand offen. Auf dem Treppenabsatz standen die Nachbarn. Veitl hielt sich nicht mit ihnen auf, sondern betrat die Wohnung. Im Wohnzimmer traf er auf den Notarzt und Huber. Der Notarzt verabschiedete sich eben: „Hier ist für uns nichts mehr zu tun. Wir schicken besser den Bestatter her.“

 Huber schüttelte den Kopf. „Das machen wir schon, besser es laufen jetzt nicht noch mehr Leute hier rum. Zuerst wird sich die Spurensicherung das ansehen müssen.“

 Der Arzt zuckte die Schultern. „War doch a Selbstmord.“

 Huber sah Veitl an, der gerade durch die Tür trat. Der Arzt drehte sich zu ihm um.

 „Ah, Kommissar Veitl. Ist das hier Ihre Baustelle?“

 Veitl und der Arzt kannten sich flüchtig von verschiedenen Tatorten, daher nickten sie sich grüßend zu.

 „Keine Ahnung. Könnte sein. Was ist die Todesursache?“

 Veitls Blick wanderte an den beiden vorbei, routiniert nahm er jedes Detail auf.

 Die Tote lag auf der Couch. Ihr Kopf war zur Seite geneigt. Von seinem Standort aus konnte Veitl nur den Hinterkopf und einen blonden Haarschopf oberhalb der Lehne sehen.

 „Ich nehme an, das Loch in ihrem Kopf dürfte die Ursache gewesen sein", sagte der Arzt spöttisch.

 Veitl trat einen Schritt näher und beugte sich über die Lehne. Jetzt sah er es auch. An der Schläfe klaffte ein rundes Einschussloch, die Augen der Toten waren zur Decke gewandt. Die Couch verunzierten dunkle Blutspritzer und andere menschliche Bestandteile, von denen Veitl gar nicht erst im Detail wissen wollte, worum genau es sich handelte. Er wandte sich ab.

 „Wieso tut ein Mensch sowas?“

 Dann durchfuhr es ihn plötzlich. Abrupt drehte er sich wieder der Leiche zu. Er umrundete die Couch, um sie besser sehen zu können. Kein Zweifel, jetzt, da er direkt vor ihr stand.

 „Ach du Scheiße …“, entfuhr es ihm.

 Der Arzt nickte. „Schrecklich, nicht wahr? Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass er sich das Leben nimmt, wo er dabei ist, neues Leben zu schenken?“

 Veitl verdrehte innerlich die Augen. An dem Arzt war ein Philosoph verlorengegangen. Dem Kommissar waren die Schattenseiten des menschlichen Seins nicht neu, in fünfundzwanzig Jahren hatte er in manchen Abgrund geschaut und viele Dinge gesehen, die sich seinem Verständnis entzogen. Da war der Selbstmord einer werdenden Mutter noch nicht das Maximum.

 Was ihn viel mehr schockierte, war die Tatsache, dass er diese Frau kannte; beziehungsweise gekannt hatte.

  „Und die Frau Niedermaier ist ihre Schwester?“

 Huber sah etwas irritiert aus. „Die Verwandten haben wir noch nicht verständigt.“

 „Nein, Marion Niedermaier hat mich angerufen, dass ihre Schwester sich etwas antun könnte. Aber da war mir noch nicht klar, dass das die ist!“

 Huber sah aus wie ein einziges Fragezeichen. Auch der philosophisch veranlagte Notarzt wirkte verwirrt.

 „Schon gut. Passt schon. Nur laut gedacht. Kommt die Spusi?“, schlug Veitl wieder einen betont geschäftlichen Ton an.

 „Spusi?“, echote der Arzt.

 „Spu-ren-sich-er-ung“, deutschte Huber ihm aus. „Spu-si, so wie Sta-si“, fügte er noch erklärend hinzu.

 Veitls Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er den Scherz für überflüssig hielt. „Ja, meine Herren. Dann kann ich ja wieder, nicht?“ Der Arzt klappte seinen Koffer zu und ging hinaus.

 „Wiederschaun.“

 „Soll ich inzwischen der Schwester Bescheid sagen?“, fragte Huber. „Nein, das mach ich selbst. Das würde mich jetzt doch interessieren, wie die Gute reagiert", wiegelte Veitl ab.

 Huber sah Veitl verständnislos an. „Wie soll sie wohl reagieren? Ihre Schwester hat sich umgebracht!“

 Veitl winkte ab. „Huber, du hast das hier im Griff, oder?“

 „Ja klar, aber…“

 „Bevor wir nix Genaueres wissen, wird hier das volle Programm aufgefahren, verstanden? Obduktion, Gerichtsmedizin, Hausdurchsuchung, et cetera pp.“

 Huber nickte. „Jawohl, wie du meinst.“

 

Veitl setzte sich in seinen Wagen und fuhr zum Haus der Niedermaiers. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Erst am Nachmittag war er dort gewesen, nach der Beerdigung. Da hatte er Marion Niedermaier damit konfrontiert, dass sie im Falle ihres verstorbenen Mannes wegen Mordes ermittelten. Ihm war sie von Anfang an suspekt vorgekommen. Aber in dem kurzen Verhör hatte sie sich nicht auffällig verhalten. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Jetzt allerdings wurde ihm gerade einiges klar.

 Der feine Herr Doktor fuhr zweigleisig. Auf der einen Seite der Halbgott in Weiß, junger aufstrebender Neurochirurg, preisgekrönte Doktorarbeit, aussichtsreiche Karriere, Villa in Partenkirchen. Auf der anderen Seite betrog er seine Frau regelmäßig, unter anderem auch mit deren Schwester. Wie geschmacklos.

 Als Veitl durch die Straßen von Garmisch zur Villa der Niedermaiers fuhr, passierte er einen Imbisswagen. Grillhähnchen drehten nachlässig ihre Runden auf dem Grill, in der Ecke steckte ein Spieß von diesem türkischen Pressfleisch und auf dem Rost brutzelten Schweinswürstel. Veitls Magen gab einen beängstigenden Laut von sich. Bevor er richtig wusste, was er hier eigentlich tat, war er rechts rangefahren und hatte den Gurt gelöst. Er griff sich sein Portemonnaie und überquerte die Straße. Das schlechte Gewissen war nicht zu verleugnen, aber der Hunger nach einem langen Arbeitstag überwog. Er bestellte eine Portion Schweinswürstel mit Kraut. Hungrig stopfte er die fettigen Dinger in sich hinein.

 Das flüssige Fett troff ihm vom Mundwinkel auf das Hemd. Na toll. Jetzt konnte er seine kleine Sünde nicht einmal vor Margarete verheimlichen. Der Krach war praktisch vorprogrammiert.

 Er setzte seinen Weg fort und hielt wenige Minuten später im Ortsteil Partenkirchen vor der schicken Villa der Niedermaiers.

 Über Geld spricht man nicht, Geld hat man, schoss es Veitl durch den Kopf.

 Ganz zweifellos traf das auf die Niedermaiers zu. In der breiten, gepflasterten Einfahrt stand ein nagelneuer BMW. Der Garten machte nicht den Eindruck, als hätte der Herr Doktor dort selbst Hand angelegt. Sicher kümmerte sich eine örtliche Gärtnerei um diese botanische Pracht. Die Hortensien wucherten so hoch und dicht, dass sie den neugierigen Blick vom Gehsteig zum Haus zuverlässig verdeckten.

 Veitl sah an der Fassade hoch. Inzwischen war es fast dunkel. Die Straßenlaternen brannten schon. Im Hause Niedermaier aber war kein Licht zu sehen. War die trauernde Witwe noch ausgegangen? Holte sie sich vielleicht Trost bei einer Freundin? Möglicherweise ertrug sie es ja auch nicht, jetzt in dem Haus zu sein, das sie mit ihrem verstorbenen Mann bewohnt hatte. Alles denkbare und nachvollziehbare Begründungen.

 Veitl klingelte trotzdem.

 


Leseprobe zu "Burgfried"

Mein Debütroman "Burgfried" erschien 2014 im Verlag ohneohren, Wien.

Der Low-Fantasy-Roman spielt in einer mittelalterlichen Welt voller Liebe, Intrigen und Rache.


Nach einigen schnellen Galoppstrecken, wurde der Wald zusehends dichter und dunkler. Tiefhängende Äste peitschten den jungen Frauen ins Gesicht und sie mussten die Pferde zügeln. Das gleichmäßige Rauschen und Gurgeln kündigte einen nahen Bach an, bevor er zu sehen war. Erhitzt und erschöpfte entschlossen sich die beiden, am Rand des Baches eine Pause einzulegen. Der Tag war noch jung und es gab keinen Grund zur Eile. Am Hofe hatte man sich an die ausgedehnten Ausritte der Prinzessin gewöhnt und niemand wunderte sich mehr über das lange Ausbleiben der Mädchen.

 

Luna kniete sich an den Rand des Baches, um sich zu erfrischen. Prinzessin Ramana glitt aus dem Sattel und ordnete die Röcke ihres Kleides. „Ich beneide dich nicht um deine Rolle als Kronprinzessin. Aber ich würde viel dafür geben, einmal so ein Kleid zu tragen.“ Sagte Luna beim Anblick der schwingenden Stofflagen neidisch.

 

Ramana lachte. Sie war in einer beschwingten und ausgelassenen Stimmung wie meist, wenn sie der Burg entflohen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, ließ sie die Träger des Kleides über die Schultern gleiten und ehe Luna es sich versah, war Ramana aus ihrem teuren Kleid geschlüpft und hielt es ihr auffordern hin.

 

„Was... was machst du? Was soll das?“

 

„Zieh es an. Na los! Wenn das dein einziger Wunsch ist, so will ich ihn dir gerne erfüllen. Es sollte dir eigentlich passen.“ Luna zögerte immer noch. Doch die Freundin hatte bereits den Gürtel des einfachen Leinenkleides aufgezogen, welches Luna trug. Von der Abenteuerlust der Freundin angesteckt, entledigte Luna sich ebenfalls ihres Kleides und nahm ehrfürchtig das rostbraune Kleid der Prinzessin entgegen. Während Luna noch ungläubig über die edle Spitze entlang des Ausschnitts strich, hatte Ramana sich schon neu eingekleidet und knotete den breiten ledernen Gürtel um ihre schmalen Hüften.

 

„Komm ich helfe dir! Sonst hilfst du mir in die Kleider, heute gehe ich dir zur Hand.“ Die Prinzessin war von dem Rollentausch begeistert. Dass ihre Verwandlung sogleich auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft werden würde, hatte sie jedoch nicht geahnt. Kaum steckte Luna, noch etwas unsicher, in den weiten Röcken, näherte sich ein fremder Mann der Lichtung. Entsetzt wollte Luna hinter einem großen Felsbrocken Deckung suchen, doch Ramana hielt sie zurück.

 

„Jetzt beginnt doch erst der Spaß!“ flüsterte sie der Freundin zu und laut sagte sie: „Wollt Ihr Euch nicht setzen, Mylady?“ Luna starrte ihre Prinzessin entgeistert an, die ihr mit dem Ärmel einen flachen Stein als Sitzgelegenheit abwischte. Der junge Mann hatte die Worte gehört und blieb in gebührendem Abstand stehen. „Verzeiht, ich wollte die Rast der beiden Damen nicht stören.“

 

„Mit Nichten, bleibt ruhig. Der Wald ist niemandes Eigentum. Ihr könnt Eure Rast machen, wo immer es Euch beliebt.“ erwiderte Ramana in Lunas Kleidern höflich. Lunas Herz schlug ihr bis zum Hals, sie wusste sehr wohl, dass der Scherz der Freundin sie Kopf und Kragen kosten konnte. Doch andererseits genoss sie es einmal die Herrin spielen zu dürfen. Und immerhin, dachte sie sich, kannte der Mann weder sie, noch erkannte er offenbar seine Prinzessin. Denn sie zweifelte keinen Moment daran, dass der junge Mann ebenfalls aus der nahen Stadt stammte.

 

Mit einer ehrerbietigen Verbeugung – vor Luna, nicht vor der Prinzessin – setzte er seinen Weg an den Bach fort und beugte sich hinunter, um einige Schlucke zu trinken. Er war groß und trug sein dunkles Haar gleichmäßig schulterlang. Seine Kleidung verriet keinen Stand. Insignien trug er nicht, folglich schien er kein Adeliger zu sein. Sein Körper war muskulös und sehnig. Wahrscheinlich war er im Umgang mit Waffen erprobt. An seinem Gürtel hing ein spitzer Dolch in einer Lederscheide. Alles in allem war er eine sehr stolze und für die jungen Frauen durchaus ansprechende Erscheinung.

 

Luna befand, dass es unhöflich von ihr war, kein Wort an den Fremden zu richten und da sie nun einmal keine andere Wahl mehr hatte, beschloss sie, das Spiel mitzuspielen. „Seid Ihr zu Fuß unterwegs?“ fragte sie den Unbekannten. Der junge Mann erhob sich und wandte sich der vermeintlichen Adeligen zu. „Nein, mein Ross interessiert sich offenbar mehr für die Gräser am Wegrand, als für frisches Wasser.“ erwiderte er.

 

Luna begann sich ernsthaft für den seltsamen Mann zu interessieren, der sein Pferd anscheinend unbeaufsichtigt stehen ließ. „Und ihr habt keine Sorge, dass ihr dann den Rückweg zu Fuß zurücklegen müsst?“ „Nein. Manch einer wäre froh, würde ihm sein Hund so treu folgen, wie mir mein Pferd.“

 

Er pfiff kurz auf den Fingern und ein imposantes schwarzes Pferd brach aus dem Gestrüpp. Noch an den Resten seiner Mahlzeit kauend, gesellte es sich mit aufmerksam aufgestellten Ohren zu seinem Herrn. Luna und Ramana waren aufrichtig beeindruckt.

 

„Solange es noch aufrecht stehen kann, brauche ich mich nicht zu sorgen, dass es mich zu Fuß gehen lässt.“ Erklärte der Mann, nicht ohne Stolz. „Er hat mich noch in keiner Schlacht verlassen, egal wie aussichtslos sie auch schien.“ „Ihr seid also ein Krieger? In diesem Reich wurde aber seit vielen Jahren keine Schlacht mehr geschlagen, sofern ich mich nicht irre.“ „Es tut mir leid Euch berichtigen zu müssen. In diesem Reich werden täglich Schlachten geschlagen. Ihr befindet Euch auf dem Boden König Erdogans.“

 

Luna und Ramana wechselten überraschte Blicke. Es war ihnen beiden völlig entgangen, dass sie sich so weit von der Burg entfernt hatten. „Oh. Dann haben meine... ich und meine Begleiterin eine weitaus größere Strecke zurückgelegt, als wir dachten.“ Luna zögerte Prinzessin Ramana ihre Zofe zu nennen. Ramana hatte das Zögern bemerkt und zwinkerte ihrer Freundin heimlich zu, als sie ergänzte: „Meine Herrin ist eine ausgezeichnete Reiterin, da erscheinen lange Wege oft kürzer.“ „Ist sie das, in der Tat? Nun, ich nehme an, dass der stolze Schimmel dort trüben Euer Pferd ist. Ich wüsste zu gerne, ob er schneller ist als mein Rappe.“

 

Ramanas Kampfgeist war wieder erwacht und konnte auch sie sich nicht mit dem fremden Recken messen, so konnte es zumindest ihr Pferd unter Lunas kräftigen Schenkeln. „Schneller und ohne Zweifel auch ausdauernder.“ erklärte sie daher keck. „Eure Zofe hält große Stücke auf Euch. Doch ich zöge es vor, Taten sprechen zu lassen.“ nahm der Fremde die Herausforderung an.

 

„So sei es denn.“ ließ Luna sich überzeugen. Doch in den weiten, ungewohnten Kleidern Ramanas auf deren Pferd einen jungen Krieger zu bezwingen, erschien ihr unwahrscheinlich. Ritterlich half der junge Mann Luna auf Ramanas Pferd, bevor er sein eigenes bestieg. Ramana schritt mit großen Schritten die Lichtung ab und postierte sich am Ziel der von ihr abgesteckten Strecke.

 

 

 

Ohne auf ein Zeichen zu warten, ließ Luna den königlichen Schimmel lospreschen, der Krieger blieb trotz des Überraschungseffekts dicht hinter ihr.

 

Luna schloss die Augen und betete, dass sie lange genug im Sattel bleiben würde. Doch als sie den Fremden an sich vorbei ziehen spürte, erwachte ihr Ehrgeiz wieder. Sie drückte ihre Schenkel noch enger an den Rumpf des weißen Pferdes und duckte sich so nah über seine Mähne, wie es die ungewohnt unbequemen Kleider zuließen.

 

Mit einem einzigen Satz Vorsprung erreichte Ramanas Schimmel die Ziellinie.

 

„Das war eine ordentliche Leistung. Euer Schimmel scheint nicht nur schön, sondern auch eine Kämpfernatur zu sein. Ebenso wie seine Herrin. Ich gebe mich ungern geschlagen, noch dazu im Duell mit einer Frau. Doch in diesem Fall scheint mir die Niederlage keine Schmach zu sein. Darf ich den Namen meiner Bezwingerin erfahren, in deren Schuld ich vom heutigen Tage an stehe?“

 

Einen kurzen Moment lang zögerte Luna, ob sie ihren wahren Namen nennen konnte. Dann aber wurde ihr bewusst, dass er ihn schwerlich kennen und die Unwahrheit entdecken konnte.
„Mein Name ist Luna. Und der Eure?"
„Nennt mich Euren ergebenen Diener, Mylady."